Artikel aus der CHRONIKA (Ausgabe Nr. 67 – 7. Jahrgang 2000

Artikel aus der CHRONIKA (Ausgabe Nr. 67 – 7. Jahrgang 2000
Die Mörder kamen am Nachmittag zehntausende von Griechen fordern Wiedergutmachung für die in ihrem Land begangenen NS-GREUEL
ellenika
von Arn Strohmeyer

Wenn Argyris N. Sfountouris an das Land der Deutschen denkt, dann tut er das noch immer mit „wunder Seele“. Und diese Abwandlung eines Goethe-Wortes hat ihren Grund: Als der Grieche, der heute als Professor in Zürich und Athen lebt, vier Jahre alt war, wurde er Zeuge eines schrecklichen Ereignisses, das sein Leben bis heute bestimmt hat. Es war am Nachmittag des 10. Juni 1944 – vier Tage nach der Invasion der Alliierten in der Normandie, als die Männer der 2. und 10. Kompanie des 7. Regiments der 4. SS-Polizei-Panzer-Grenadier-Division in seinem Dorf Distomo in der Nähe von Livadia (Boötien) einrückten und ein furchtbares Massaker unter der Zivilbevölkerung anrichteten. Das Haus der Familie Sfountouris befand sich am unteren Dorfplatz, der Vater Nikos hatte dort einen Laden mit Kolonialwaren. Der kleine Argyris befand sich mit seinen Schwestern Astero (neun Jahre), Kondylia (sechs Jahre) und dem Vater im oberen Stockwerk des Hauses. Die Mutter war mit Pferd und Wagen zum Einkaufen nach Livadia gefahren. Auf Anordnung der deutschen Soldaten musste der Vater seinen Laden schließen. Vom Fenster aus konnten sie den Dorfplatz überblicken. Dort erschossen die Deutschen zunächst zwölf mitgeführte zivile Geiseln. Dann zogen sie einzeln oder in kleinen Gruppen von Haus zu Haus, um die Menschen zu ermorden und die Häuser anzustecken. Als die Soldaten sich im Erdgeschoss des Hauses von Nikos Sfountouris daran machten, einen zum Laden gehörenden Lagerraum anzuzünden, ging der Vater die Treppe hinunter, um mit den Deutschen zu sprechen. Er wurde abgeführt und beim nahen Dorfbrunnen durch Kopfschuss umgebracht. Dort sahen ihn die Kinder von ihrem Versteck aus lange liegen. Durch den Rauch des brennenden Hauses getarnt flohen Bruder und Schwestern in ein Kornfeld im Garten und versteckten sich dort. Erst als die Pistolenschüsse und MG-Salven verklungen waren und es im Dorf „totenstill“ wurde (die Soldaten waren offenbar abgezogen), liefen sie zum Haus der Großeltern am anderen Ende des Ortes, die überlebt hatten.
Am nächsten Tag wurde die Mutter tot ins Dorf geschleppt. Sie war auf dem Rückweg von ihrer Einkaufstour fünf Kilometer vor Distomo mit Pferd und Wagen dem abziehenden Trupp begegnet. Die Deutschen eröffneten sofort das Feuer auf sie, ein mitfahrendes Ehepaar und das Pferd. Alle wurden getötet. Soweit der Bericht von Argyris N. Sfountouris.

Inferno aus Blut
Was sich sonst noch im Ort abgespielt hat, bezeichnet der Professor für neuere europäische Geschichte an der Universität Athen, Hagen Fleischer, der das Massaker genau untersucht hat als „Inferno aus Blut“. Er spricht von „sadistischen Exzessen“. Männer wie Kinder seien wahllos erschossen, Frauen vergewaltigt und niedergemetzelt worden, vielen Frauen habe man die Brüste abgeschnitten, Schwangere seien aufgeschlitzt, manche Opfer mit dem Bajonett bestialisch gemeuchelt worden, anderen habe man die Köpfe abgetrennt oder die Augen ausgestochen heißt es in Augenzeugenberichten („Spiegel“ Heft 1/1998). Die Bilanz des apokalyptischen Nachmittags: 218 unbewaffnete Zivilisten wurden ermordet, darunter 34 Kinder im Alter von ein bis zehn Jahren und vier Säuglinge im Alter von zwei bis sechs Monaten.

Nach dem Massaker meldete SS-Haupt-Sturmführer Fritz Lautenbach in seinem „Gefechtsbericht“ vom 11. Juni 1944 Vollzug: „Nachdem das Dorf gesäubert war, wurden insgesamt 250 bis 300 tote Bandenverdächtige und Bandenangehörige gezählt, die restlichen Häuser wurden im Anschluss niedergebrannt.“
Folgender Ablauf der Ereignisse hatte zu dem Massaker geführt: Die deutschen Soldaten waren am Morgen des 10. Juni schon einmal in Di¬stomo eingerückt und verhörten dort den Bürgermeister und den Popen. Sie sollten ihnen Auskunft geben über den Aufenthalt und den Durchzug von Partisanen. In der Tat waren 30 von ihnen am Vortag im Dorf eingetroffen, dann aber ins Nachbardorf Stiri weitergezogen. Gegen Mittag zog Lautenbach mit einer motorisierten Kolonne zur Erkundung nach Stiri aus. Kurz vor der Ortschaft wurden sie von Partisanen beschossen. Trotz Verstärkung gelang es dem Trupp nicht, die Partisanengruppe aufzureiben.

Grausame Rache
Gegen 17.30 Uhr rückte die Einheit wieder in Distomo ein, um grausame Rache zu nehmen. Denn man unterstellte, dass die Bevölkerung mit den Partisanen paktierte und über ihren Aufenthalt genau unterrichtet war. Lautenbach behauptete später in seinem „Gefechtsbericht“, dass sein Trupp auf dem Rückweg von Stiri aus Distomo heraus mit Granatwerfern, MGs und Gewehren beschossen worden sei, woraufhin er den Angriff befohlen und „Feuer frei“ gegeben habe. Ein Agent der Geheimen Feldpolizei, der den Trupp begleitet hatte, sagte dem Generalkommando gegenüber später aber aus, dass diese Darstellung nicht stimme. Nach weiteren Nachforschungen der deutschen Befehlszentrale in Saloniki hieß es dann, dass es in der Tat aus dem Dorf heraus keine „Feindberührung oder Feindeinwirkung“ gegeben habe. Das Generalkommando bestätigte damit also, dass es sich bei dem Angriff nicht um eine Maßnahme der Kriegsführung, sondern um ein Massaker gehandelt habe. Gewaltaktionen und Massaker dieser Art hat es – was aber kaum bekannt ist – auf dem griechischen Festland und den Inseln in großer Zahl gegeben. Historiker stellen die Mordexzesse von Distomo, Kommeno (317 Tote), Kalavrita (über 1000 Tote) und andere in eine Reihe mit den Schreckensnamen Oradour (642 Tote) und Lidice (198 Tote). Insgesamt wurden nach griechischen Angaben von Hitlers Soldaten 460 Ortschaften vollständig zerstört, etwa 30 000 Menschen wurden als Geiseln oder Opfer von Vergeltungsmaßnahmen von Deutschen und Italienern ermordet. (Die Zahl der Kriegsopfer ist aber weit höher, außerdem wurden etwa 60 000 Juden aus Griechenland deportiert und umgebracht.) Bei den „Sühneaktionen“ konnte man sich auf den Führerbefehl vom 16. Dezember 1942 berufen, in dem „aller brutalste Mittel“ bei der Bekämpfung der Banden einzusetzen seien. „Die Truppe ist daher berechtigt und verpflichtet, in diesem Kampf auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel einzusetzen, wenn es zum Erfolg führt… Kein in der Bandenbekämpfung eingesetzter Deutscher darf wegen seines Verhaltens im Kampf gegen die Banden und ihre Mitläufer disziplinarisch oder kriegsrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden“, hieß es in Hitlers Befehl. Nach einer Richtlinie von Generalfeldmarschall Wilhelm von Keitel vom 16. September 1941 galt als gerechte Sühne für ein deutsches Soldatenleben die Erschießung von 50 – 100 Zivilisten, im NS-Jargon kurz „Kommunisten“ oder „Banditen“ genannt.
Wer „Kommunist“ oder „Bandit“ war, bestimmte – wie in Distomo Hauptsturmführer Lautenbach – der jeweilige Truppenführer vor Ort. Hitlers Weisung von der Straffreiheit hatte offenbar über 1945 hinaus Wirkung auf die deutsche Justiz. Voller Empörung sagt Argyris N. Sfountouris heute: „Den Mördern von Distomo ist von keiner deutschen Nachkriegsinstanz der Prozess gemacht worden. Alle Untersuchungsverfahren sind eingestellt worden.“ Deutsche Richter und Staatsanwälte beriefen sich in diesem und anderen Fällen darauf, dass die „Sühnemaßnahmen“, „Repressalien“ oder „Vergeltungsaktionen“ gegen die griechische Zivilbevölkerung durch das Völkerrecht gedeckt gewesen seien, da die Partisanen „völkerrechtswidrige“ Überfälle auf die Besatzungstruppen unternommen hätten.

Keine Entschädigung
Dies war auch bisher die Rechtsauffassung aller Bundesregierungen. In einer offiziellen Stellungnahme der Deutschen Botschaft (und damit auch des Auswärtigen Amtes in Bonn aus dem Jahr 1995) hieß es: „Nach Auffassung der Bundesregierung sind Vergeltungsaktionen wie gegen das Dorf Distomo nicht als NS-Tat zu definieren, deren Opfer wegen ihrer Rasse, ihrer Religion oder ausdrücklichen Antihaltung geschädigt worden sind, sondern als Maßnahmen im Rahmen der Kriegsführung, denn sie stellten Reaktionen auf Partisanenangriffe dar. Sie fallen deshalb nicht unter die Regelung des Bundes zur Entschädigung von NS-Unrecht, sondern unter den Fragen-Komplex Reparationen“. Dieses Thema war aber keine Bundesregierung bereit neu aufzurollen. Dabei berief man sich auf folgende Argumentation: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine große Zahl von Abkommen geschlossen worden, die Zahlungen von Reparationen zum Gegenstand hatten. So das Potsdamer Abkommen von 1945, das den Alliierten zugestand, deutsche Industrieanlagen im großen Umfang zu konfiszieren, und das Pariser Abkommen von 1946, das eine Verteilung von Reparationsleistungen unter 18 Staa¬ten – darunter auch Griechenland – vorsah. Im Londoner Schuldenabkommen von 1952 sei dann aber festgehalten worden, dass Entschädigungszahlungen bis zum Abschluss eines Friedensvertrages mit den anspruchsberechtigten Staaten zurückgestellt würden. Einen Friedensvertrag mit Deutschland gebe es aber bis heute nicht, er stehe nach über einem halben Jahrhundert nach dem Krieg auch gar nicht mehr auf der Tagesordnung.
Der Zwei-Plus-Vier-Vertrag, der die deutsche Einheit mit den ehemaligen Kriegsgegnern regelt und die Nachkriegszeit abschließt, ist nach deut¬scher Ansicht nicht als Friedensvertrag anzusehen, er habe zudem die Ansprüche der ehemaligen Gegnerstaaten zum Erlöschen gebracht. Außerdem, argumentiert die deutsche Seite, habe Athen 1960 eine Entschädigung von 115 Millionen Mark für Opfer erhalten, die „aus Gründen der Rasse, des Glaubens oder der Weltanschauung“ von den Nazis ver¬folgt worden seien. Worauf die Griechen allerdings antworten, dass die¬ses Geld ausschließlich an überlebende Juden gegangen sei. Im Raum stehen auch noch griechische Ansprüche über einen Zwangskredit, den die deutschen Besatzer einst bei der griechischen Staatsbank aufgenommen haben. Er betrug (nach heutigem Geldwert) 3,5 Milliarden Dollar. Zurückgezahlt hat Deutschland davon nie einen Pfennig.

Harte deutsche Position
Auch die überlebenden Opfer von Distomo und anderer Massaker haben nie eine Entschädigung bekommen. Die deutsche Position (offenbar auch die der Regierung Schröder) bleibt unverändert. Danach ist die An¬gelegenheit erledigt. Aber ist sie das wirklich? Seitdem auch aus den USA im Zusammenhang mit der Regelung für die NS-Zwangsarbeiter For¬derungen nach Reparationen laut geworden sind, ist man in Berlin für das Thema wieder sensibel geworden.
In Griechenland sind etwa zehntausend Prozesse in Sachen Entschädigung anhängig. In zwei Urteilen ist die Bundesregierung bisher zu Schadenersatz und Wiedergutmachung verurteilt worden. In dem ersten Urteil hat das Kammergericht von Livadia den 229 Klägern/innen aus Distomo am 30. Oktober 1997 insgesamt 60 Millionen Mark Schadenersatz gegen die Bundesrepublik Deutschland zugesprochen. Die Bundesregierung hat an dem Verfahren nicht teilgenommen, legte jedoch Revision gegen das Urteil ein. Der Rechtsstreit ist jetzt beim höchsten griechischen Gericht, dem Areopag in Athen anhängig. Parallel zu diesem Verfahren haben einige Überlebende von Distomo eine Klage vor dem Landgericht Bonn gegen die Bundesrepublik auf Schadenersatz angestrengt, die am 23. Juni 1997 abgewiesen wurde. Auch die Berufung wurde am 27. August 1998 vom Oberlandesgericht Köln zurückgewiesen. Da die Revision zugelassen wurde, hat sich nun der Bundesgerichtshof mit der Sache beschäftigt.
Einer der Kläger ist Argyris N. Sfountouris. In einer Liste hat er akribisch seine persönlichen materiellen Verluste aufgeführt. Neben dem unersetzlichen Verlust seiner Eltern gibt er an: 1. Ausfall des elterlichen Einkom¬mens für die unmündigen Waisenkinder aus dem väterlichen Laden und der familieneigenen Landwirtschaft, nach heutigen umgerechneten Marktpreisen 74 000 Mark jährlich. Für das niedergebrannte Wohnhaus inklusive Laden- und Lagergebäude gibt er 135 000 Mark Schaden an, für Mobiliar und Inventar im väterlichen Haus 43 000 Mark, für vernichtete Handelswaren im Laden und Lager 49 000 Mark, zusammen also 301 000 Mark plus die jährliche Fortschreibung des elterlichen Einkommens für die Kinder bis zum Erwachsen- werden. Über diese griechischen Ansprüche (und aus anderen Ländern) ist ein heftiger Rechtsstreit entbrannt. So bestehen etwa für den Heidelberger Völkerrechtler Karl Doehring keine Ansprüche der Geschädigten mehr. Er argumentiert: Deutschland hat in vielfacher Hinsicht Reparationen gezahlt. „Ob aber Reparationsleistungen einzelne geschädigte Personen oder Personen- gruppen wirklich erreicht haben, ist nicht Gegenstand deutscher Kontrolle, und die faktische Wiedergutmachung in Einzelfällen gehört nicht zur deutschen Verantwortung.“ Er folgert: „Reparationsforderungen der ehemaligen Siegermächte können de jure spätestens mit dem Abschluss des Zwei-Plus-Vier-Vertrages nicht mehr erhoben werden.“
Ganz anders sieht das der Völkerrechtler Norman Paech, der (hier sehr verkürzt wiedergegeben) so argumentiert: Schadensersatzansprüche ergeben sich ganz allgemein aus der Verletzung völkerrechtlicher Pflichten. Der Angriff auf Griechenland vom 6. April 1941 und die Besetzung des Landes haben nach dem Briand-Kellog-Pakt vom 27. August 1928 das Verbot des Angriffskrieges verletzt. Deshalb sei der Aggressor zur Wiedergutmachung verpflichtet. Das Massaker von Distomo und alle anderen seien zudem ein klarer Verstoß gegen Artikel 23 der Haager Landkriegs¬ordnung. Danach sei es kriegsvölkerrechtlich verboten, Angehörige des feindlichen Volkes meuchlerisch zu töten und ihr Eigentum zu zerstören. Die NS-„Sühnemaßnahmen“ stellten so gesehen eindeutig Massaker an der Zivilbevölkerung dar…“Völkerrechtsverstöße dieser Art verpflichteten grundsätzlich zu einer Haftung der Beklagten für die im Jahre 1944 begangenen Kriegsverbrechen und verpflichteten sie zur Leistung von Schadenersatz.“ Dieser letzte Satz stammt aus dem Urteil des Kölner Oberlandesgerichts vom 27. August 1998, auch wenn das Gericht letztendlich -aus politischen Gründen? – die Klage abgewiesen hatte. Paech sieht einen Schadensanspruch der überlebenden Massakeropfer bzw. ihrer Nachkommen auch aus der Staatshaftung für Völkerrechtsverstöße der Wehrmacht (Amtshaftungsrecht) gemäß Paragraph 839 des Bürgerlichen Gesetzbuches für gegeben an.

Rau besucht Kalavrita
Ob der Bundesgerichtshof das auch so sieht? Er wollte am 29. Juni die¬sen Jahres unter dem Aktenzeichen III ZR 245/98 über die Ansprüche der Griechen entscheiden. Das Urteil kam zu diesem Termin nicht zustande. Das Gericht tut sich offenbar schwer damit. Es soll nun am 9. November (dem deutschen Schicksalstag!) kommen. Im April besuchte Bundespräsident Johannes Rau die kleine Stadt Kalavrita auf dem Peloponnes, den Ort der „Waisen und Witwen“. Denn dort gab es nach dem Massaker deutscher Uniformierter am 13. Dezember 1943 für lange Zeit keine Männer mehr. Es ist das erste Mal, dass ein hoher deutscher Repräsentant in einen der Schreckensorte in Griechenland kam.
© Arn Strohmeyer