Interview mit Argyris Sfountouris, Überlebender des Distomo-Massakers

Interview mit Argyris Sfountouris, Überlebender des Distomo-Massakers

„Betroffenheit ist entscheidend für eine menschliche Begegnung mit den Opfern“
Der offizielle Kinostart des international beachteten und in Griechenland viel diskutierten Dokumentarfilms „Ein Lied für Argyris“ fand vor kurzem in Athen unter Anwesenheit von Staatspräsident Karolos Papoulias sowie der Botschafter der Schweiz und Deutschlands, Paul Koller-Hauser und Dr. Wolfgang Schultheiss, statt. Letzterer bezeichnete den Film „als ein gelungenes künstlerisches und dokumentarisches Zeugnis über die Gräuel der Besatzungszeit“. Der schweizerische Regisseur Stefan Haupt erzählt im Film die Geschichte von Argyris Sfountouris, einem der Überlebenden des furchtbaren Massakers in Distomo im Jahre 1944. Die Gedenktafel in Distomo führt über dreißig Menschen mit dem Namen Sfountouris auf – Argyris‘ Eltern und weitere Familienangehörige. Sein Überleben empfindet Sfountouris als eine Pflicht den Toten und der historischen Wahrheit gegenüber. GZ-Mitarbeiterin Natalia Sakkatou führte mit Sfountouris folgendes Interview.


GZ: Herr Sfountouris, Sie behaupten in dem Film, dass in der deutschen Gesellschaft keine Katharsis stattgefunden hätte. Wie kommen Sie zu diesem Urteil?

SFOUNTOURIS: In einem Interview mit dem früheren deutschen Botschafter in Athen, Dr. Albert Spiegel, das in dem Film gezeigt wird, behauptet dieser, es sei verständlich, dass die heutigen Deutschen und die Opfer gegenteilige Meinungen zu den schrecklichen Ereignissen, zu den Kriegsverbrechen, haben müssten. Ich habe immer geglaubt, zumindest bis vor zehn Jahren, bis ich vor allem von der Haltung der deutschen Behörden enttäuscht wurde, dass das so genannte andere Deutschland nach dem Krieg sich bemüht hat, die Vergangenheit aufzuarbeiten, eine Katharsis durchzuführen und sich der Haltung der Opfer, die das als etwas Erschreckendes, als etwas Unmenschliches erlebt haben, anzuschließen und gleicher Meinung zu sein. Wenn das von der hohen diplomatischen Warte aus nicht so gesehen werden kann, dann heißt das, dass diese Katharsis in Deutschland überhaupt nicht stattgefunden hat. Dass die Ereignisse vermutlich überhaupt nicht untersucht worden sind. In meinen Augen wäre das die große Chance gewesen für Deutschland nach dem Krieg.

Schweigen bis zum Sterbebett

GZ: Und wie sieht die Wirklichkeit aus?

SFOUNTOURIS: Auch heute herrscht in gewissem Sinn ein Tabu, sich aufklärend über die Vergangenheit zu äußern. Auch alle innerdeutschen Täter sind neuerdings zu Opfern geworden, da sie sich nicht läutern konnten, keine Möglichkeit hatten, den Kindern und Kindeskindern etwas von den unmenschlichen Taten, die sie gesehen und zum Teil auch begangen haben, zu berichten. Ich habe letztens von einem Freund gehört, dessen Vater in Kreta war, bis zum Sterbebett hat er es nicht fertig gebracht, seinen Kindern etwas von seiner Zeit in Griechenland während des Krieges zu erzählen. Die Atmosphäre, der äußere Druck in Deutschland waren offenbar so, dass so etwas gar nicht erst möglich wurde.

GZ: Der deutsche Staat hat doch, über seine offiziellen Organe, für seine Taten damals um Entschuldigung gebeten?

SFOUNTOURIS: Ja, es ist ja eben schrecklich, dass es sich nur um eine banale Form der Entschuldigung handelt. Dieses verbale Bekenntnis „Wir sind jetzt bessere Menschen!“, das möchte ich gerne sehen, nicht nur hören.

GZ: Wie könnte denn nach über 60 Jahren eine Entschädigung aussehen?

SFOUNTOURIS: Es ist klar, dass man das heute auf eine ganz andere Art machen muss, als man das vielleicht in den 50er Jahren hätte machen können. Und ich finde, es ist nicht an den Opfern, da Ideen zu entwickeln. Wir haben zum Beispiel durch die „Tagung für den Frieden“ unsere Hand ausgestreckt und erwartet, dass wir Gesprächspartner finden. Wir haben einzelne Deutsche, eine kleine Minderheit, gefunden, die bereit ist und auch schon vorbereitet war und guten Willens, mit denen wir seit zwölf Jahren im Gespräch sind. Aber das offizielle Deutschland, das immer so hinausposaunt, es sei jetzt ein anderes Deutschland, bemüht sich überhaupt nicht, uns entgegenzukommen, das Gespräch zu suchen, das Verständnis zu lernen. Denn das muss man lernen. Das ist ein Lernprozess. Und ein Lernprozess, der kann nicht einfach fertig da sein, der muss ablaufen.

„Aufarbeitung ist verhindert worden“

GZ: Diese „einzelnen Deutschen“, von denen Sie eben gesprochen haben, meinen Sie damit den Arbeitskreis Distomo?

SFOUNTOURIS: Zum Beispiel den Arbeitskreis Distomo aus Hamburg, aber auch andere Leute, wie Professor Schminck-Gustavus, der vor 13 Jahren auf dem Kongress für den Frieden in Delphi war. Er arbeitet an diesen Kriegsereignissen in Griechenland und schreibt Bücher darüber. Das sind Leute, die auch in Deutschland einen größeren Wirkungskreis haben könnten. Es fällt ihnen aber sehr schwer, den nötigen Respekt und das nötige Verständnis zu bekommen. Sie gehören zu einer Art Untergrundkultur.
Für das jetzige Deutschland sind wir regelrecht Störenfriede. Denn, wenn sie das wirklich aufarbeiten, dann bricht ja alles zusammen, was im Nachkriegsdeutschland an falschen Bildern aufgebaut worden ist. Und dann fällt bewusst oder unbewusst auf, dass eine Aufarbeitung verhindert worden ist. Wenn man beginnen würde mit der Aufarbeitung, dann hätte man das Bedürfnis, den Opfern als Menschen zu begegnen, Reue zu empfinden. Nur so ist eine Begegnung möglich. Ganz gleich, ob man selber Täter war oder der Vater oder der Großvater: einfach im Namen Deutschlands.
Diese Betroffenheit ist ja entscheidend und die müsste zu einer menschlichen Begegnung mit den Opfern führen und nicht zu einer Abweisung und dazu, Feinbilder aus ihnen zu machen.

GZ: In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass die Täter von damals zunehmend zu Opfern erklärt werden. In der Hinsicht, dass auch hier Familien zurückgeblieben sind. Aber kann man das in diesem Zusammenhang so in die Diskussion bringen?

SFOUNTOURIS: Natürlich sind letztendlich gesehen die Täter auch Opfer, aber das muss man auf eine ganz bestimmte Art aufarbeiten. Die Soldaten in Distomo waren Opfer ihrer Nazi-Erziehung, des fanatischen Drills, den sie über sich ergehen lassen mussten. Sie wurden zu Unmenschen, weil man sie zu Übermenschen erklärt hatte. Dadurch wurden die anderen zu Untermenschen, die sie wie Tiere abschlachten konnten.

GZ: Was wollen sie nach so langer Zeit?

SFOUNTOURIS: Das wird häufig an mich herangetragen: „Ja, sagen Sie doch, was sie wollen.“ Nein. Ich werde nicht sagen, was ich will. Die deutsche Seite muss herausfinden, was nötig ist, was aus ihrem Inneren kommt, um die Situation konstruktiv zu verändern. Ich habe die ökonomische Forderung als Anlass genommen, weil das tatsächliche eine rein juristische Angelegenheit war.

GZ: Als Anlass wozu?

SFOUNTOURIS: Über das Materielle ist es uns tatsächlich geglückt, dass der Bundesgerichtshof in einer Präambel – bevor erwähnt wird, dass man mit den Mitteln des Rechts, dem Entschädigungsproblem nicht nachkommen kann – gesagt wird, es handelt sich um ein Massaker. Denn juristisch ist die Sache ja klar. Eine Entschädigungsforderung ist belegt, das geht aus den Verträgen nach dem Krieg hervor. Die sind 1952 aufgeschoben worden, aber nicht aufgehoben. Man sagt zwar, „es war eines der grässlichen Massaker des Zweiten Weltkriegs“ und stellt damit die Geschichte plötzlich richtig. Um dann wieder negativ zu entschließen, dass eine Entschädigung durch die Mittel des vorhandenen Rechts nicht möglich sei.

„Erster Schritt zur Gerechtigkeit“

GZ: Auf welchem Wege wäre denn eine Entschädigung durchsetzbar?

SFOUNTOURIS: Das müssen die Gerichte entscheiden. Wenn der Gerichtshof für Menschenrechte sagt, Deutschland muss tatsächlich keine Entschädigung zahlen, dann wird das begründet werden müssen. Und dann werden wir sehen, wie es mit den Menschenrechten, wie es mit der Haager und der Genfer Konvention, die ja gewisse Friedensgesetze vorschrieben, die Hitler übrigens nie zurückgewiesen hat, steht. Darin heißt es, dass die Besatzungsmacht nach den Kriegsereignissen verantwortlich ist für den Schutz von Gut und Leben der Bevölkerung im besetzten Land. Und sie haben das Gegenteil gemacht, sie haben die Zivilbevölkerung zum Freiwild erklärt.

GZ: Ist es Gerechtigkeit versus Entschädigung? Wie hängen Entschädigung und Gerechtigkeit zusammen?

SFOUNTOURIS: Ich würde das nicht als Gegensatz darstellen. Man kann nur das Materielle entschädigen, die Toten kann man nicht mehr wieder auferstehen lassen. Und das war ja auch ein sprachlicher Missbrauch, dass man in Deutschland von „Wiedergutmachung“ sprach. Das war ein Versuch in den 50er Jahren, das reversibel zu gestalten, obwohl man weiß, es ist nicht reversibel, was geschehen ist. Aber die zerstörten Häuser, die kann man entschädigen, lieber früher als später. Entschädigung ist ein erster Schritt zur Gerechtigkeit. Ohne Entschädigung kann es keine Gerechtigkeit geben.

Copyright © Griechenland Zeitung und Natalia Sakkatou