Distomo — Chronik eines Massakers Teil 5/6

SOTIRIS PATATZIS
Distomo — Chronik eines Massakers
Teil 5/6

Stellen wir uns die Soldaten vor, die in die Häuser treten, den Befehl zur totalen Vernichtung befolgend, der ihnen eine schreckliche absolute Freiheit gewährt. Ihre Reaktionen waren vielfältig, je nach Seelenzustand, nach geistiger Reife, nach sozialer oder familiärer Herkunft, je nach ideo-logischem Standort. Allgemein kann man aber drei Gruppen unterschei-den:
Als erstes waren die «mutig-feigen», die blind gehorchenden Bestandteile einer militärischen Maschinerie, die jeden Befehl «gewissenhaft» ausfüh-ren, auch wenn er ekelerregend, unmenschlich, bestialisch ist. Zu dieser Gruppe gehörten die meisten. Sie traten in die Häuser, durchsuchten genau und töteten ebenso genau, was sie vorfanden: Männer, Frauen, Kinder — wie es im Befehl hiess. Dann zeichneten sie das makabre Kreuz an die Tür und zogen weiter ins folgende Haus. Diese Soldaten würden niemals eine Frau vergewaltigen, einem Säugling den Bauch aufreissen, denn sowas war nicht befohlen worden. Wäre es befohlen, dann wäre es anders.
Dann gab es die Gruppe der Verbrecher. Vielleicht waren auch diese nicht «von Natur aus» Verbrecher. Die absolute Freiheit war aber eine zu grosse Last auf ihren Schultern. Sie machte sie trunken und zermalmte ihr Menschtum.
Sie hatten nie vorher den Genuss der Macht gekannt, der unkontrollierten Freiheit. Sie konnten unbesehen Wertgegenstände erbeuten, konnten ohne Angst Frauen genicssen, konnten ungestraft Blut vergiessen. Da erwachten in ihnen die Instinkte der Wildnis, die vielleicht für immer in einer dunklen Ecke der Seele verdrängt geblieben wären, hätte sie nicht der Befehl des Kommandanten gelöst. Diese breiteten den Schrecken aus. Mit wildem Gebrüll stürzten sie ins Haus und töteten die Männer, die alten Frauen, die Kinder, die hässlichen Frauen. Sie Hessen die auserwählte Schöne übrig und traten zu ihr, während daneben der Vater, der Mann, die Mutter, der Bruder in ihrem Blute lagen. Wenn sie auf Widerstand stiessen — und sie stiessen fast immer auf Widerstand — rissen sie ihr den Bauch auf, oder schlugen ihr mit dem Gewchrkolben auf den Kopf, wie es die Menschenaffen in der Wildnis tun. Nur haben diese eine Keule und keine automatische Waffe. Dann genossen sie den weiblichen Körper, ohne sich Gedanken zu machen, ob er noch lebte.
Doch der Vergleich mit den Menschenaffen genügt nicht. In Distomo fand man Frauen mit abgeschnittenen Brüsten. Was für einen Genuss konnten die Soldaten bei diesem Gemetzel empfinden? Man tötete auch Pfarrer Sotiris. Er ist in seinem Haus aufgefunden worden, zusammen mit einem Dutzend Frauen und Kinder, die ins Pfarrhaus gekommen waren, in der Hoffnung, hier verschont zu bleiben. Doch man tötete ihn nicht einfach. Erst folterten sie ihn, stachen ihm mit dem Bayonett die Augen aus, dann schnitten sie ihm den Kopf ab und warfen ihn im Hof auf einen Haufen Mist. All dies vor den Augen der Frauen und Kinder, die weinten und schrieen und vor Grauen fast den Verstand verloren. Sie liefen hin und her, sprangen aus den Fenstern, während die Deutschen auf sie schössen.
Den Friedensrichter töteten sie mit seiner ganzen Familie. Nur ein Kind blieb am Leben. Es lag verwundet neben dem Vater. Die Schwestern K. fand man tot und vergewaltigt. Das Kind der G. P. hatte Wunden am ganzen Körper und zwei ausgeschlagene Zähne. Das noch ungetaufte Neugeborene des F. war von einem Bajonett fast entzweigeschnitten. Irgendein Deutscher tötete zuerst mit einem Schuss die Mutter L. B., die einen vierzigtägigen Säugling am Arm hielt. Der Säugling begann zu schreien und das erzürnte den Soldaten der Wehrmacht. Er trat mit voller Kraft auf seinen Kopf, dass das Hirn unter dem Stiefel hervorspritzte. Ein anderer sah, als er das Haus der St. betrat, wie die Mutter ihre Brust freimachte, um ihr Kind zu säugen. Er schnitt ihr die Brust ab und steckte sie grinsend dem Säugling in den Mund. Dann brachte er auch ihn um. Die anderen zwei Kinder des St., drei und achtjährig, liefen erschrocken auf die Strasse, um sich zu retten. Man jagte ihnen nach und erschoss sie.
Ein anderer Soldat stürzte sich auf M. F. und warf sie auf den Boden, um sie zu vergewaltigen. Da gewahrte er, dass sie schwanger war. Rasend schnitt er ihr den Bauch auf und warf ihr das Ungeborene vor die Füsse. So fand man sie.
Ein Ehepaar zündete man lebendig an und schaute vergnügt dem grauen-vollen Tanz der brennenden Leiber zu.
Vier Dorfbewohner wurden hingemetzelt und mit den Därmen um den Kopf gewickelt aufgefunden.