Mit einer Theatergruppe aus Distomo on Tour nach Kalavrita.

Mit einer Theatergruppe aus Distomo on Tour nach Kalavrita.

Meine Kontakte nach Griechenland haben, seit ich mich im Sommer dieses Jahres bei Facebook anmeldete, zugenommen. Es dauerte nicht eine Stunde und ich hatte Antwort auf meine Anfrage von Freunden in Distomo, ob ich mit der Theatergruppe aus Distomo/Aspra Spitia mit nach Kalavrita fahren könne, um dort anschließend am Gedenktag des Holocaust vom 13. Dezember 1943 teilzunehmen.


Ich hatte das Stück: „Schuld und Erlösung“ (Ένοχοι και Λυτρωμένοι) des aus Distomo stammenden und in Kalifornien lebenden Autors Giorgos Demakas, diesen Sommer zum ersten Mal gesehen.
Das Stück spielt 40 Jahre nach dem Massaker von Distomo. Am Vorabend des 10. Juni.

Giorgos Demakas

Erzählt wird das Wiedersehen von Johann einem ehemaligen Angehörigen der SS-Einheit, die in Distomo das Massaker am 10 Juni 1944 verübt hatte und Mario einer Witwe aus Distomo. Zum Zeitpunkt des Massakers war sie schwanger. Ihr Mann wurde von den Deutschen ermordet. Johann hatte das Leben von Mario damals verschont indem er in die Luft schoss, anstatt sie zu töten.
Solche Berichte vom „καλός άνθρωπος“ oder dem „καλός γερμανος“, gibt es in Distomo mehrere. Auch die Geschichte von einem der Mörder von Distomo, der die Gedenkstätte von Distomo besuchte, ist mir erzählt worden. Nachprüfen konnte ich die Geschichte nicht, aber sie liegt im Bereich des Möglichen.
Mario ist inzwischen Großmutter. Wie jedes Jahr wird sie vor allem an den Tagen vor dem Jahrestag von Erinnerungen und Alpträumen geplagt. Sie erwartet ihren Sohn (Tasos) und ihren Enkel (Christakis) die zur Trauerfeier aus Athen anreisen.
Johann, kommt in Begleitung seiner Enkelin (Erika) nach Distomo und möchte sich: wie er später beteuert „Ήρθα γιατί θέλω για ακόμα μια φορά να αντιμετωπίσω το παρελθόν μου.“ –seiner Vergangenheit stellen.“ Es kommt zu einem Dialog zwischen Mario und Johann. Mario bedankt sich bei Johann für die damalige Schonung ihres Lebens, der sich allzu gerne auf seine gute Tat (καλή πράξη) bezieht. Mario bedankt sich zwar bei Johann für die damalige Schonung ihres Lebens, aber sie ist verbittert und fragt Johann, weshalb er so lange mit seinem Besuch gewartet hatte. Es sind die bekannten Floskeln, die Johann hervorzubringen hat. Er beruft sich auf seine Jugend und auf Befehle.

Ich kannte die meisten Darsteller vom Sommer her. Vicki Kelermenou, die Regisseurin des Stückes hatte ich schon 2001 in Distomo kennengelernt und war ihr dieses Jahr wieder begegnet. Sie hatte damals in einer beeindruckenden Weise die Hermione in Andromaché von Euripides gespielt und zwischenzeitlich Theater studiert. Sie hat es mir bei unserer erneuten Begegnung stolz erzählt. Ich hatte ihr (wohl nicht als Einziger) dazu geraten.

Vicki Kelermenou (m.) mit Dimitris Barlos (l.) und Iannis Marakos (r.) während einer Rast auf der Fahrt nach Kalavrita.

Kostas Simonides musste mich also nicht vorstellen, als wir den Bus nach Kalavrita bestiegen. Die Fahrt ging über Livadia, Aliatros nach Thiva und über Erytres Richtung Elefsina schließlich auf die Autobahn und an der Küste entlang Richtung Megara und Korinth hinab. Dann weiter Richtung Patras und schließlich für den Busfahrer, der schwierigste Teil der Strecke vor Trapeza die Abzweigung nach Kalavrita hinauf. Wir waren gegen 14:00 Uhr in Kalavrita und bekamen unsere Hotelzimmer. Am späten Nachmittag trafen wir uns zur Vorbereitung der Aufführung in der Aula der neuen Schule. Ich kannte Kalavrita von einem Aufenthalt vor einigen Jahren mitten im Jahr.
Vor 25 Jahren war ich die Strecke von Delphi kommend über Distomo nach Osiu Louka und Livadia bis nach Megara und Korinth gewandert. Mein Ziel war das antike Korinth gewesen.
Damals war ich zum ersten Mal in Distomo. Nicht lange. Nicht viel länger als zwei Stunden. Seit 1995 war ich regelmäßig in Distomo. Es ist fester Bestandteil meines Lebens geworden. 1995 war auch das Jahr in dem Deutschland von dem Gericht in Levadia zu einer Entschädigungszahlung an die Überlebenden von Distomo verurteilt wurde. Noch immer sind keine Entschädigungszahlungen an Distomo und die vielen anderen Orte in Griechenland, die Orte von Gräueltaten vom nationalsozialistischen Deutschland geworden, waren gezahlt worden. Viele der damals noch lebenden Überlebenden in Distomo sind inzwischen verstorben. Das lag nicht nur an der Haltung der durchgängig ablehnenden Haltung aller bisherigen Bundesregierungen, sondern auch an der, der griechischen Regierungen.

Aber, wie auch immer die anstehende Entscheidung in Den Haag aussehen wird und ob bei einem positivem Urteil, nämlich der Aufhebung der Staatenimmunität dann tatsächlich, die in Italien gepfändeten Einnahmen der Deutschen Bundesbahn ausgezahlt werden, ist schon fast unerheblich.

Es wird bitteres Geld für die Opfer und deren Nachkommen sein, denn die guten Momente, wo Deutschland von sich aus etwas wirklich Heilendes zwischen Deutschland und Griechenland hätte stiften können, diese geschichtlichen Augenblicke sind vorbei. Er hätte nach dem Besuch von Bundespräsident Rau im Jahr 2000 in Kalavrita geschehen können, oder auch als Folge des Besuches des damaligen Botschafters Dr. Spiegel zum 60. Jahrestag des Massakers 2004 in Distomo. Es hatte damals gerade zu einer vollkommen verfehlten Bitte um Verzeihung gereicht.

All dies ist vertan und trägt nicht unwesentlich zur derzeitigen Verhärtung auch junger Griechen gegenüber Deutschland bei. Denn anders als in dem Theaterstück von Georgos Demakas, hat hier wie dort schon die zweite Enkelgeneration zumindest auf politischer Ebene längst das Sagen. Und es sieht nicht so aus als wollte und könnte diese Generation es lösen.

Es war eine ordntliche Aufführung der Theatergruppe aus Distomo/Aspra Spitia. Im Gegensatz zu der Aufführung im Sommer finde ich die Figur von Johann nun gelungen. Er ist eben auch eine Karikatur von uns Deutschen. Er blubbert voller Selbstmitleid von seiner großen Liebe zu Griechenland, den Menschen und seiner guten Tat. Es ist Mario, die ihm die richtige Antwort gibt: „Ich bedauere zutiefst, dass Du nicht begreifst, dass wir die Anderen (die Opfer) sind. Ich habe mich während der Aufführung recht wohl gefühlt. Sie war straffer inszeniert als im Sommer. Nur beim Auftritt der zwei SS-Soldaten bin ich etwas erschrocken, denn das bin ich nun tatsächlich nicht.

 

Jürgen Rompf