Vor 22 Jahren Brief an den Bundespräsidenten Roman Herzog 1996

Die Marmortafeln sind verschwunden (Gott sei dank)
Μάρμαρο-πίνακες έχουν εξαφανιστεί. (Δόξα τω Θεώ)

Vor 22 Jahren Brief an den Bundespräsidenten Roman Herzog 1996

An den
Bundespräsidenten
der Bundesrepublik Deutschland
Herrn Prof. Dr. Roman Herzog
Kaiser Friedrich Str. 16
53113 Bonn
11. August 1996

Sehr geehrter Herr Bundespräsident.
Zu meiner Freude und Genugtuung gedachten Sie während des Staatsbesuches des griechischen Präsidenten Kostis Stefanopoulos vom 10. bis 13 Juni in ihrer Ansprache des Ortes Distomo in Griechenland, wo am 10. Juni 1944 eine Einheit des 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Regiments ein Massaker an der Bevölkerung anrichtete, bei dem 218 Menschen auf brutalste Art und Weise niedergemetzelt wurden. Dafür möchte ich Ihnen Danken.

Brief als PDF

Wie Ihnen bekannt ist, wurden vor einigen Monaten an der Gedenkstätte von Distomo zwei Marmortafeln angebracht. Die eine wurde von der “Aktion Versöhnungs Wege” aus Kaufering gestiftet, die die Bitte um Verzeihung für das von Deutschen begangene Verbrechen in Distomo enthält. Die zweite stammt von der Gemeinde Kaufering, auf ihr befindet sich ein Zitat aus einer nicht näher bezeichneten Rede, die Sie aber anläßlich der Gedenkveranstaltung am 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers in Bergen-Belsen am 27. April 1995 gehalten haben.

Die Tafeln hängen nebeneinander. Unglücklicherweise entsteht so für den uninformierten Besucher der Gedenkstätte der Eindruck, als hätten Sie Distomo besucht und dort an der Gedenkstätte zu den Überlebenden und deren Nachkommen des Massakers gesprochen. Das dies vielleicht doch noch Wirklichkeit wird, ist meine Hoffnung und der Anlaß dieses Briefes an Sie.

  • 1986 kam ich zum ersten Mal

    1986 kam ich zum ersten Mal während einer Wanderung nach Distomo. Ich hatte den Ort besucht, weil Erhart Kästner in seinem Buch “Ölberge, Weinberge” über das Massaker geschrieben hatte. Ich hatte wissen wollen, wie dieser Ort auf mich, als 1952 geborener Deutscher wirken würde. Seither war ich mehrmals in Distomo. Im vergangen Jahr habe ich dort zum ersten Mal an der Gedenkfeier teilgenommen. In diesem Jahr war ich Gast der Gemeinde.
    Mir ist bei aller Trauer und Betroffenheit, die man dort nicht nur an Gedenktagen spürt, deutlich geworden, daß das Leid welches das nationalsozialistische Deutschland dort, wie in vielen anderen Orten Griechenlands, den Menschen und dem Land zufügt hat, für die Überlebenden des Massakers und deren Nachkommen auch heute noch nicht überwunden ist. Gleichzeitig haben die Mörder jedem einzelnen dieser Menschen und der Gemeinde eine ungeheure Arbeit und Verantwortung aufgebürdet, die seit nun mehr als 52 Jahren andauert. Eine Arbeit, von der ich den Eindruck gewonnen habe, daß sie auch für mich geleistet wurde und wird. Berichte über die Veranstaltungen im Europäischen Kulturzentrum von Delphi, anläßlich des 50. Jahrestages des Massakers vor zwei Jahren, bestätigen das über meine persönlichen Erfahrungen hinweg. Nie ist jemand der Überlebenden des Massakers direkt mit Haß und Rachegedanken auf mich zu gekommen. Im Gegenteil, viele suchen wo sie können das Gespräch. Das dies heute so ist, ist nicht zuletzt auch der Arbeit der Ausländerjugendberaterin der Evangelischen Jugend in Nürnberg, Frau Brigitte Spuller zu verdanken, die seit 1980 regelmäßig nach Distomo fährt und 1990 zur Ehrenbürgerin des Ortes ernannt wurde. Aber auch die seit einigen Jahren übliche Teilnahme eines Vertreter der deutschen Botschaft an den Gedenktagen trägt einiges dazu bei, daß man als Deutscher an diesem Ort sein kann, ohne einen Teil seines geschichtlichen Bewußtseins verleugnen zu müssen.
    Gleichwohl haben viele der Überlebenden und Betroffenen des Massakers von Distomo vor dem Amtsgericht in Levadia Klage, wegen nicht geleisteter Wiedergutmachung durch die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des “Dritten Reiches”, eingereicht. Presseberichte über die derzeitige Handhabung dieser Frage durch die Bundesregierung empfinde ich, nachdem es schon in den sechziger Jahren zu keiner einzigen Anklage gegen die an dem Massaker beteiligten deutschen Soldaten gekommen ist, als schmerzlich und beschämend, so daß ich auf eine der Klage stattgebenden Entscheidung der Gerichte hoffe.
    Mir ist in meiner Auseinandersetzung mit unserer Geschichte aber auch deutlich geworden, wie viel wir bei allen Fehlern, Verdrängungen und Unterlassungen seit 1945 getan haben, um in Europa und in der Welt einen wahrhaftigen Beitrag zu leisten, damit die nachfolgenden Generationen von den Erfahrungen eines "Vierten Reiches” verschont bleiben. Dennoch ist es für mich eine schmerzhafte Tatsache, daß sich das offizielle und wiedervereinigte Deutschland noch nicht dazu hat durchringen können, sich für die Verbrechen, die von unseren Eltern und Großeltern in Distomo und an anderen Orten in Griechenland begangen wurden zu entschuldigen. Darüber kann mich auch das private Engagement einiger Deutscher und mein eigenes nicht hinweg täuschen. Im Gegenteil. Je öfter ich in Distomo bin, je freundlicher und offener mir die Menschen dort begegnen und je genauer ich die Gegend kennenlerne, desto mehr bemerke ich wie stark mein Bedürfnis nach Vergebung für die Schuld meiner Vorgängergeneration an diesem Ort ist und wächst.
    Sie Herr Bundespräsident, sehen, wie es auch Ihre Amtsvorgänger getan haben einen wesentlichen Teil Ihrer Arbeit und Aufgabe darin, dazu beizutragen, daß die Wunden, die unser Land unter dem Nationalsozialismus an vielen Orten in Europa gerissen hat geschlossen werden können. Ihre am 1. August 1994 anläßlich des 50. Jahrestags des Warschauer Aufstands gehaltene Rede in Warschau hat auch mich tief beeindruckt. Sie haben dort für die von uns Deutschen an Polen und Juden begangenen Verbrechen um Verzeihung gebeten. Sie haben aber auch gesagt, was die Grundbedingungen dafür sind, damit eine solche Bitte ausgesprochen werden kann, unter anderem das “Bewußtsein, der Vergebung bedürftig zu sein, aber auch zur Vergebung bereit.”

  • Wen ich Sie richtig verstehe

    Wen ich Sie richtig verstehe, dann bedeutet: “der Vergebung bedürftig zu sein” das Wissen um eine Schuld und Verantwortung, die nicht alleine durch materielle Wiedergutmachung, einen erneuten Versuch eines friedlichen und toleranten Zusammenlebens von Tätern und Opfern ermöglicht, sondern Schuld auch als eine geistig - seelische Verletzung begreift und daraus resultierend, weil auf endgültige Gesundung hoffend, der Wunsch und das Bedürfnis der Täter nach Vergebung dieser Schuld durch die Opfer. Ebenso bedeutet dann: “zur Vergebung bereit” zu sein, zu erkennen, daß die Versuche materieller Wiedergutmachung nicht ausreichen, um als Opfer und Betroffener ein Leben vollkommen ohne Groll und Ressentiments den Kindern und Enkeln der Täter gegenüber zu ermöglichen, die “vor allem unschuldig” (Ralph Giordano), in diese Welt hinein geboren werden.
    In den Gesprächen, die ich auch dieses Jahr in Distomo geführt habe, ist mir bewußt geworden, wie notwendig ein solcher Prozeß für das Zusammenleben der Völker in Europa ist. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat wohl am deutlichsten gezeigt, daß es ein friedliches und konstruktives Zusammenleben nicht geben kann, wenn es in den geistig - seelischen Prozessen zwischen den Völkern zu Halbheiten kommt, die von verbrecherischen und menschenverachtenden Kräften mißbraucht werden können und werden.
    Auch der Wunsch vieler (wohlmeinender) Deutscher nach einem „Schlussstrich“ unter die Geschichte der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Deutschland ist ein verkürzter Ausdruck davon. Nicht umsonst empfinde ich deshalb die in Distomo mit Ihrer Genehmigung angebrachte Tafel als eine solche Halbheit. In dem aus dem Zusammenhang Ihrer Rede genommen Zitat heißt es:
    “Wer es zuläßt, daß anderen die Freiheit geraubt wird, der verliert am Ende die eigene Freiheit. - Wer es zuläßt, daß anderen Würde genommen wird, der verliert am Ende die eigene Würde.” Ich war bestürzt, als ich die Tafel zum ersten Mal sah. Sie erweckt den Anschein, als wäre an einem Ort, der dem Gedenken an die Opfer des Massaker geweiht ist, ausrechnet und an erster Stelle (!) von der Freiheit und der Würde der Täter die Rede. Im richtigen Zusammenhang mit dem ursächlichen Kontext gelesen, sagten Sie aber am 27. April 1995 in Bergen-Belsen: “Auch das ist die Lektion von Bergen Belsen: Man ist nicht nur verantwortlich für das, was man tut, sondern auch für das, was man geschehen läßt. Wer es zuläßt, daß anderen die Freiheit geraubt wird, verliert am Ende die eigene Freiheit. Wer es zuläßt, daß anderen die Würde genommen wird, der verliert am Ende die eigene Würde.”
    Erst aus dem vollständigen Wortlaut dieses und der vorhergehenden Abschnitte Ihrer damaligen Ansprache ergibt sich die ganze Bedeutung des von Ihnen Gesagten. Aber auch in seinem oben zitierten Umfang macht das Zitat, an der Gedenkstätte von Distomo keinen Sinn, der über den eines wohlklingenden Allgemeinplatzes hinaus geht, weil es nicht die besonderen Bedingungen des Massakers in Distomo selbst reflektiert. Es hat etwas von dem, was Sie in Bergen-Belsen einen “Alibi-Effekt” nannten, für den Sie nicht verantwortlich sind, der aber ein Beweis der Richtigkeit des von Ihnen Vorgetragenen ist. Es reflektiert in keiner Form die Verbrechen, die die deutsche Besatzungsmacht an vielen Orten in Griechenland begangen hat. Distomo, Kalavryta, Vianos, Klissoura, Komeno, Megalopolis sind ja nur einige Namen auf einer langen Liste von 43 Orten und Regionen in Griechenland, an denen das nationalsozialistische Deutschland mehr als 123000 Zivilisten umgebracht hat.
    Ihre gedenkenden Worte zu Distomo während Ihrer Ansprache an den griechischen Präsidenten Kostis Stefanopoulos ist ein Beweis dafür, daß wir Deutschen diese Verbrechen nicht vergessen haben. Auch die Rede ihres Vorgängers Richard von Weizsäcker, an der Gedenkstätte Kaessariani in Athen am 24. Juni 1987, legt ein Zeugnis davon ab. All dies sind mit Sicherheit wichtige Schritte, die den Staaten in Europa einmal auf Dauer ein friedliches Zusammenleben ermöglichen werden. Sie erwähnen auch die griechischen Wurzeln Europas. Ich muß Ihnen gestehen, daß es mir gar nicht möglich ist, mich als geistige Person, ohne das, was von Griechenland auf uns gekommen ist, vorzustellen.

  • Distomo liegt nur wenige Gebirgstäler

    Distomo liegt nur wenige Gebirgstäler von Delphi entfernt. Es ist eingebettet zwischen einigen Hügeln in einer Ebene, durch die zu Anfang dieses Jahrhunderts Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal und viele andere Deutsche gewandert oder geritten sind. Sie waren auf dem Weg zu dem Kloster Osiu Louka, von dem aus ebenfalls für das europäische Christentum die stärksten Impulse ausgegangen sind. Jenes delphische “Erkenne dich selbst” hat auch heute noch seine Gültigkeit, wie auch das “Erkenne dich in dem Leid des anderen”, welches in Osiu Louka in einem Mosaik enthalten ist.
    Wie Sie, Herr Bundespräsident, hege ich Zweifel daran, ob wir (Deutschen) die “rechten Formen des Erinnerns” schon gefunden haben. Ein Erinnern, welches Gedenken wäre. Ein Gedenken, daß auch den Nachgeborenen eine Gewißheit von der monströsen Wirklichkeit und immer noch Gegenwart unserer jüngsten Geschichte vermitteln kann. Eine Gedenken schließlich, welches nicht schuldig aber auch nicht frei von jeglicher geschichtlichen Verantwortung spricht. Dies war es, was ich gesucht und gefunden habe, als ich 1986 zum ersten Mal nach Distomo kam. Dort habe ich meine Zerrissenheit angesichts unserer Geschichte als Deutscher überwinden können. Vielleicht, weil man gerade an einem solchen Ort den Opfern, aber auch den Tätern, die wie ich Deutsche waren, besonders nahe ist.
    Was ich mir wünsche und worum ich Sie bitten möchte ist, daß es Ihnen in naher Zukunft möglich sein wird an der Gedenkstätte in Distomo zu den Überlebenden und Betroffenen der Verbrechen, die Deutsche in Griechenland begangen haben zu sprechen. Was ich mir vor allem erhoffe, ist daß es dabei zu einer Entschuldigung durch das offizielle Deutschland für diese Verbrechen kommt.
    Mir ist bekannt, daß Sie sich in vielen Reden, die Sie als Bundespräsident gehalten haben, oft über den Ort und den unmittelbaren Betroffenen hinaus an alle Menschen gewandt haben, die Opfer von Gewalt und Krieg geworden sind. Doch birgt ein solches Vorgehen immer auch die Gefahr in sich, daß wir und nachfolgende deutsche Generationen ein undifferenziertes Bild von unserer jüngsten Geschichte erhalten. Die Tafel mit Ihrem Namen an der Gedenkstätte von Distomo ist auch dafür ein Beweis. Wir mögen in Polen, in Frankreich, in den Niederlanden für die Verbrechen während der nationalsozialistischen Herrschaft um Verzeihung gebeten haben. In Griechenland haben wir es nicht.


Distomo, Kalavrita, Vianos, Klissoura, Kommeno, Megalopolis sind heilende, aber immer noch offene Wunden in Europa. Wenn ich Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident bitte, Distomo zu besuchen, so geschieht das in der Überzeugung, daß Ihnen möglich ist, was mir als Privatperson und auch Initiativen wie der “Aktion Versöhnungs Wege”, versagt bleiben muß. Nämlich wie Sie es schon so oft getan haben, dazu beizutragen, daß diese Wunden durch ein Wort des offiziellen Deutschlands weiter heilen können.

Im Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus bekommen wir und die nachfolgenden deutschen Generationen Gewißheit und Auskunft darüber, wer und was wir sind. So schrecklich für uns die Wahrheit ist, die sich dahinter verbirgt, ist es doch auch eine in die Zukunft weisende Gewißheit, daß wir viele solcher Orte des Gedenkens brauchen. Orte an denen wir, was ich für eine Gnade halte, mit den noch lebenden Überlebenden dieser Verbrechen und deren Nachkommen zusammenkommen können, um festzustellen, wie sehr wir dieses heilende Miteinander in dem wechselseitigen Integrationsprozeß eines friedlichen Europas in unserem Denken und Fühlen benötigen.
Distomo, an der geistigen Quelle Europas gelegen, ist ein solcher Ort.
Hochachtungsvoll und mit freundlichen Grüßen.

Jürgen Rompf