Distomo — Chronik eines Massakers Teil 6/6

SOTIRIS PATATZIS
Distomo — Chronik eines Massakers
Teil 6/6 Schluss und Anmerkungen

Halten wir hier an, um zu bedenken, dass in wenigen Stunden der absoluten Freiheit diese Deutschen die ganze Entwicklung zurück zur Wildnis durchmachten, für die die Menschheit in umgekehrter Richtung vielleicht Millionen von Jahren benötigte.
Aber erinnern wir uns, damit die Seele aufatmen kann, dass es unter diesen Deutschen auch eine dritte Gruppe gegeben hat. Es waren nur sehr wenige — fünf, höchstens zehn. Sie bezeugen aber, dass Mut und Menschtum mitten in Feigheit und Unheil bewahrt werden können.
Diese betraten allein die Häuser und schlossen hinter sich die Türe gut zu. Sie deuteten den Bewohnern an, sich nicht zu fürchten und unbewegt, ohne einen Laut von sich zu geben, auszuharren. Dann richteten sie ihre Waffe gegen die Decke, schossen und verliessen das Haus, nachdem sie an der Tür das Kreuzzeichen gezeichnet hatten.
Sie wagten viel. Wenn man entdeckte, dass sie sich menschlich verhielten, hätte man sie ins Gefängnis gesperrt, vielleicht an die russische Front ge-schickt oder hingerichtet. Ihre Haltung ist eine Hoffnungsbotschaft, ein Zeichen, dass der Mensch nicht immer verwildert. Was auch geschieht, es bleiben immer einige wenige, die die Flamme des menschlichen Wesens nähren, auch wenn um sie die Orkane von Krieg und Nazismus wüten.
Beim Einbruch der Nacht stand fast an allen Türen das Kreuzzeichen. Fast alle Bewohner, die im Dorf zurückgeblieben waren, sind hingemetzelt worden. Darunter 45 Kinder zwischen 5 und 20 Jahren, 53 Frauen, 75 Greise, 20 Kinder unter 5 Jahren und 6 ungetaufte Säuglinge.
Nur wenige überlebten, die sich in Strohkammern, in versiegten Schachtbrunnen, in Backöfen versteckt hatten, oder von jenen gutherzigen Deutschen am Leben gelassen wurden.

Anmerkung
Diese Chronik, die hier leicht gekürzt wiedergegeben wird, stammt aus dem Buch von Sotiris Patatzis „Blutige Jahre“, 2.Auflage, Athen 1964. Darin beschreibt der Verfasser viele griechische Ereignisse des zweiten Weltkrieges, die er aus Dokumenten, aus Zeugenaussagen oder aus eigenem Erleben als Mitglied einer Partisanenorganisation kennenlernte.
Die Reaktion des hiesigen Lesers könnte sich — je nach Nationalität — in einem der beiden Aussprüche erschöpfen: «Das kann nicht möglich sein» oder „Das ist nicht wahr.“ Ich habe als vierjähriger Knabe das Gemetzel von Distomo zufällig überlebt. Offizielle Berichte darüber gibt es leider nur sehr wenige, denn die deutsch-griechische Zusammenarbeit nach dem Krieg hat anderen Interessen als jenen der Gerechtigkeit und der Sühne gedient. Ich habe aber vielerlei Beschreibungen gelesen, die trotz kleinen Abweichungen, im Wesentlichen mit dem übereinstimmen, was die Dorfbevölkerung in Gesprächen immer wieder erzählte. Die Betroffenen mochten subjektiv berichtet haben. Doch ein Zufall führte mich im Sommer 1964 in eine Reparaturwerkstätte des Roten Kreuzes in Athen. Als ich dort erwähnte, ich stamme aus Distomo, erzählte ein Angestellter, der nach dem Massaker dorthin gesandt worden war, was er gesehen hatte. (Die Deutschen Besatzungsbehörden erlaubten dem Roten Kreuz erst drei Tage nach dem Massaker den Verwundeten Hilfe zu bringen.)
Die literarische Phantasie von Patatzis und die kümmerlichen schriftlichen Berichte, die ihm als Unterlage dienten, können nicht übertreiben. Die Wirklichkeit war unvorstellbar grausam. A. N. S.