Distomo — Chronik eines Massakers Teil 4/6

SOTIRIS PATATZIS
Distomo — Chronik eines Massakers
Teil 4/6

Am Kreuzweg bog ein Motorradfahrer in voller Fahrt nach Levadia ab, um dem Kommandanten *) Bericht zu erstatten.
In Distomo waren von den 1800 Bewohnern nur etwa 300 zurückgeblieben, vor allem Greise und Frauen mit ihren Kindern und solche, die — wie Pfarrer Sotiris — sich durch ihre Unschuld genügend geschützt glaubten. Die übrigen Bewohner, vor allem solche, die in Partisanenorganisationen beteiligt waren, hatten das Dorf verlassen und sich in der Umgebung versteckt.
Die Deutschen befahlen allen in den Häusern zu bleiben. Wer sich auf die Strasse wagte oder die Flucht aus dem Dorf versuchen sollte, würde ohne Warnung niedergeschossen.
In diesem Augenblick begann die Qual. Eine ungewöhnliche Stille umhüllt das Dorf. In den Strassen und auf den Plätzen warten unbeweglich die deutschen Soldaten. Worauf warten sie?
Die eingeschlossenen Dorfbewohner können es nicht erraten. Sie blicken durch die Scheiben ihrer Fenster und die Angst und Ungeduld wächst. Dunkle Vorahnungen leiten die Gedanken. «Was wird aus uns?» fragen sich die Gefangengehaltenen. Einige meinen, es würde Verhaftungen ge-ben. Andere fürchteten Hinrichtungen, wenige erwarten noch Schlimme-res. Doch keine noch so aufgewühlte menschliche Phantasie kann sich das Schreckliche ausmalen, dass sich hier ausbreiten würde.
Nach einiger Zeit durchbrach das wilde Dröhnen eines Motorrades die angstvolle Stille. Es war der nach Levadia geschickte Bote, der nun mit den Befehlen des Kommandanten zurückkehrte. Am Dorfplatz hielt er vor den Offizieren an, und sofort ging eine Unruhe durch die bis anhin regungslosen Reihen. Unteroffiziere gingen hin und her und gaben mit leiser Stimme weiter, während sie zu den Häusern blickten und nach rechts oder links deuteten. Dann teilte sich die Mannschaft in kleine Gruppen auf, die sich in alle Strassen des Dorfes ergossen.
Die Soldaten hielten in der einen Hand eine automatische Waffe, in der andern eine Handgranate. Sie öffneten mit einem Fusstritt die Haustüre, warfen zuerst die Handgranate, dann traten sie ein, um noch die Ueber-lebenden zu erledigen. Sie durften keinen am Leben lassen — weder Mann, noch Frau, noch Säugling.
Jede Gruppe oder jeder einzelne Deutsche, die ein Haus «erledigten», zeichnete an der Haustür ein Kreuz zum Zeichen, dass darin kein Lebender mehr wohnte. Und dies, damit sich nicht noch ein zweiter bemühte. Denn
*) Im griechischen Original dieser Chronik ist der Name erwähnt.
sie hatten Eile. Hier war Zeit Blut. Bald würde die Nacht einbrechen, und sie könnte einigen zur Flucht verhelfen. Man musste sich beeilen, um den Befehl des Kommandanten genau auszuführen, der besagte, hier alles Leben auszurotten.