Distomo — Chronik eines Massakers Teil 3/6

SOTIRIS PATATZIS
Distomo — Chronik eines Massakers
Teil 3/6

Die Auskunft, die die Dorfbewohner den Deutschen gaben, entsprach der Wahrheit. In Distomo war die 3. Kompanie des Bataillons von Levadia vorbeigekommen. Nach einer kurzen Ruhepause zogen sie weiter zum Dorf Stiri, das anderthalb Marschstunden von Distomo entfernt ist und an ei-nem Abhang des Helikon liegt.
Dort erfuhren sie, dass die Deutschen aus Levadia und aus Arachowa «auf Fang» gezogen seien. Hirten und Bauern, die sich rechtzeitig versteckt hatten und überlebten, brachten die Nachricht. Auch die Leichen mitten auf der Landstrasse und den Feldern deuteten auf einen deutschen Vorbeizug hin. Dann kamen aus Distomo auch die offiziellen Kundschafter mit genauen Angaben über Stärke und Bewaffnung der Deutschen und über ihren Trick, die Verkleideten in den zwei griechischen Lastwagen vorauszuschicken.
Es war eine einmalige Gelegenheit, ihnen einen Angriff zu bieten, wenn sie’s wagten in diese Richtung vorzustossen. Die Partisanen verschanzten sich in geeigneten Stellungen vor Stiri und warteten dort unbewegt und unsichtbar.
Die Deutschen ließen nicht lange auf sich warten. Sie verließen Distomo und zogen nach Stiri noch immer in derselben Anordnung: Voraus die beiden Lastwagen mit den zwanzig Verkleideten, dann, in einigen Kilometern Abstand, die Hauptphalanx.
Jetzt war dieses Manöver vom militärischen Standpunkt aus gesehen völlig unsinnig. Der Trick mit den Verkleideten mochte zum löten von unbe-waffneten Zivilisten geeignet sein, es war aber lächerlich, angesichts einer mobilen Partisanengruppe auf unwegsamem Gelände. Denn bis die Ver-kleideten, die in den offenen Lastwagen standen, ihre Waffen aus den Verstecken geholt hatten, wären sie von den Partisanen durch zwei-drei Salven niedergeschossen worden. Und noch vor der Ankunft der übrigen Streitkräfte würden sich jene zurückziehen, oder in einem anderen Versteck verschanzen, wo sie nicht einmal ein ganzes Regiment ausfindig machen könnte.
Und so geschah es auch. Als sich die beiden Lastwagen der Falle der Partisanen näherten, gab es ein kurzes Feuergefecht. Die falschen Arbeiter blieben, wie vom Blitz getroffen, auf der Strecke. Nur zwei überlebten, die, verwundet, sich verstecken konnten.
Nach diesem Debakel halten die verantwortlichen deutschen Offiziere entweder Selbstmord begehen, oder die Partisanen in den Bergen verfolgen müssen. Doch so etwas kam ihnen gar nicht in den Sinn. Dazu wäre soldatischer Mut notwendig gewesen. Sie zogen es vor, sich auf einfache Art und Weise zu rächen: Sie stürzten ins Dorf Stiri, um die Unbewaffneten umzubringen.
Dort fanden sie aber keine Seele vor. Rechtzeitig hatten sich die Bewohner mit ihren Tieren und ihrem wertvollsten Hab und Gut in die Berge gerettet, nachdem sie von den deutschen Untaten auf der Strasse und der Falle der Partisanen gehört hatten.
Rasend vor Wut kehrten die Deutschen nach Distomo zurück, wo sie genügend Blut vorfinden sollten.