Distomo — Chronik eines Massakers Teil 2/6

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Das Massaker
SOTIRIS PATATZIS
Distomo — Chronik eines Massakers
Teil 2/6

Am Tage, da die Deutschen nach Distomo zogen, schrieben sie die Ehrlosigkeit auf ihre Fahnen. Sie schickten zwei griechische Lastwagen voraus, die sie zu diesem Zweck beschlagnahmt hatten, mit zwanzig deutschen Soldaten, die als Bauern verkleidet waren und unbewaffnet schienen. Ihre Waffen hatten sie auf der Lastwagenbrücke niedergelegt. Mit ihren bunten Hemden und den Korbhüten wirkten die Lkw-Insassen von weitem wie Strassenarbeiter, die zur Arbeit fuhren. Hinter diesen Lastwagen folgte im Abstand von drei-vier Kilometern die deutsche Hauptphalanx, die um zehn Uhr Morgens Levadia verliess. Von ihren Offizieren und Unteroffizieren sind uns drei Namen bekannt *).
Als sie in Steno ankamen, einem Engpass etwa zwanzig Kilometer von Levadia entfernt, begannen sie, ohne irgend einen äusseren Anlass, mit ih¬ren Mitrailleusen alle Lebewesen niederzumähen, die sich neben der Stras¬se befanden: Bauern und Bäuerinnen, die in den Feldern arbeiteten, Fuhrleute und Holzhändler, die nach Levadia fuhren, Hirten, die ihre Herden an den Abhängen weideten; und mit den Menschen töteten sie auch alle Tiere: Pferde und Ochsen, Esel, Ziegen und Schafe, Hühner.
Zur Mittagszeit kamen sie dort an, wo die Strasse nach Distomo von der Hauptstrasse Levadia-Arachova abzweigt. Dort trafen sie eine andere deut¬sche Abteilung, die von Arachowa herunterkam und unterwegs derselben Beschäftigung nachging. Sie schlossen sich zusammen und zogen nach Di¬stomo, das drei Kilometer jenseits der Hauptstrasse liegt.
Als sie im Dorf ankamen, nahmen sie einige Bewohner fest, Greise und Frauen, und begannen mit den «Verhören» mit vorgehaltenen Pistolen. Sie wollten wissen, ob sich hier in der Gegend Partisanen versteckten.
«Natürlich gibt es welche, alle Berge sind voll Partisanen», gaben ihnen die Dörfler zur Antwort. «Kommen sie durch euer Dorf?»
Sollten sie leugnen? Vor wenigen Stunden nur war eine ganze Kompanie in Distomo gewesen. Sie fürchteten sich, dies zu verschweigen. Ausserdem gab es etliche, die die Partisanen nicht liebten. Allen voran Pfarrer Sotiris, der immer riet, «vernünftig» zu bleiben, bis man sehen könne, was geschieht. Die Deutschen hätten ohnehin hier ausgespielt. Bald würden sie unser Land räumen müssen.
In diesem Punkt hatte sich Pfarrer Sotiris mit einem Partisanenanführer zerstritten, der dieser Tage im Dorf vorbeigekommen war und der Ver-sammlung mitteilte, die Partisanen seien dazu da, den Feind unerbittlich zu bekämpfen. Und sie werden ihn bis zum Schluss bekämpfen. «Und was wird aus uns?» fragte der Pfarrer, seine Wut kaum verbergend. «Ihr müsst auf alles gefasst sein, Väterchen. Stellt einen Wachposten auf, der euch warnt, wenn die Deutschen kommen.» «Und was nützt die Warnung?» «Ihr verlasst alle das Dorf.»
Der Pfarrer schüttelte den Kopf: «Wir werden das Dorf verlassen, aber unsere Häuser bleiben. Und wenn die Deutschen keine Seele finden, werden sie das Dorf anzünden.»
Er begriff den Widerstand nicht, Pfarrer Sotiris. Und er war entschlos¬sen zuhause zu bleiben, auch wenn Hitler persönlich nach Distomo käme. Warum sollte er sich schliesslich fürchten? Er war Pfarrer. Und wie man’s auch dreht, die Deutschen glaubten auch an Gott. Sie müssten sein Prie-stergewand respektieren.
Wie würde er es bereuen, dem Rat des Partisanen nicht gefolgt zu sein! Kurz vor seinem Tod würde er sich in einem Winkel der Hölle befinden, wo die wildesten Teufel tanzten und schrien.