Distomo — Chronik eines Massakers Teil 1/6

Das Massaker
SOTIRIS PATATZIS
Distomo — Chronik eines Massakers
Teil 1/6

Im Juni 1944 schritten die Deutschen auf den Kohlen des Feuers, das sie selbst entzündet hatten. Rom war gefallen. In der Normandie begann am 6. Juni die grosse Invasion, und an der russischen Front wichen zweihundert deutsche Divisionen vor der sowjetischen Gegenoffensive zurück.‘ Es war der Anfang vom Ende. Doch der drohende Zusammenbruch machte die Nazis noch wilder. In ihrer Panik benahmen sich die deutschen Armeen in den besetzten Ländern wie eine in einem Zimmer eingesperrte wilde Katze, die keine Fluchtmöglichkeit mehr sieht.
Am Tag, da die sowjetische Gegenoffensive begann, am 10. Juni 1944, fand das Massaker von Distomo statt. Und am selben Tag geschah im französischen Oradour ein anderes schreckliches Massaker. Zwei gleichzeitig durchgeführte Verbrechen, die sich aber in der Art ihrer Durchführung, in ihrer «Technik», unterscheiden. In Oradour haben wir ein «europäisches» Verbrechen, raffiniert und von hoher Präzision: Die Männer werden erschossen, geordnet in Zehnergruppen, unter Wahrung aller Formalitäten mit dem benötigten «Achtung! Feuer!» des Hinrichtungskommandos. Und die Frauen werden in der Kirche eingesperrt, wo diskret, fast höflich, eine tragbare Apparatur deponiert wird, die giftige Gase aussendet — der letzte Schrei der Verbrechenswissenschaft. (Dass es nicht ganz glückte, noch einige Handgranaten geworfen und das Gotteshaus angezündet werden musste, um die Opfer zu erledigen, ändert nicht viel an der Art des Verbrechens und der Raffinesse der Henker.) Aber hier, in Distomo, hat das Verbrechen den ekelerregenden Geruch des Dschungels. Es handelt sich nicht nur um die Bestialität des Nazismus. Das Massaker von Distomo stellt das menschliche Wesen und die Qualität unserer «Kultur» in Frage.
Die Gleichzeitigkeit der beiden Verbrechen könnte die Annahme begründen, dass es sich hier um einen wohlüberlegten Plan handelte, der die totale Einschüchterung der Bevölkerung der besetzten Länder nach dem Gegenangriff der Allierten bezweckte.
Doch die Deutschen hatten die Einschüchterung nicht erst jetzt erfunden. Es ist die Waffe, die sie vom ersten Augenblick an benützten und nie beiseite legten — bis zum Ende. So gab es ausser Distomo und Oradour die Massaker in Lidice, Prag, Warschau, Kreta, Kommeno, Kalavrita… Es ist also viel wahrscheinlicher, dass diese Gleichzeitigkeit blosser Zufall ist — beides Handlungen einer unehrenhaften Armee … Ihr fehlte wahrer militärischer und menschlicher Mut, der dem Einzelnen Unerschrockenheit einflösst und ihn zum gewissenhaften Kämpfer für ein Ideal macht. Die wirklich Mutigen bleiben würdig angesichts der Niederlage und sie sind bescheiden, wenn ihnen der Sieg lächelt. Sie haben Respekt vor dem Gegner, verstehen, dass auch ihn eine Notwendigkeit zum Kampf trieb, und zeigen Grossmut, wenn das Leben des Gegners in ihrer Hand liegt. Doch wo kann noch eine Spur von Mut gefunden werden bei Soldaten, die dem Gegner den Bauch aufschlitzen und die Därme um den Kopf wickeln. — Und dieser Gegner ist ein armer unbewaffneter Bauer, unbeschützt in seiner Unschuld.