Das Massaker – Vorbemerkung

Anmerkung: Ich habe bewusst auf eine rein historische Darstellung des Massakers in Distomo vom 10. Juni 1944 verzichtet, da ich nicht glaube, dass eine solche auch nur annähernd die Wirklichkeit wiederzugeben in der Lage ist. Eine weitere Darstellung befindet sich im SCWARZBUCH DER BESATZUNG, Zweite ergänzte und korrigierte Ausgabe, ATHEN 2006, S.112-113 unter dem Titel: Massenmord in Distomo, Erzählung von Jannis Vasdekis, Distomo hier Aufgenommen habe ich außerdem den Bericht des Vorsitzenden des Roten Kreuzes Sture Linnér, der im Rahmen der internationalen Hilfe des Roten Kreuzes für Griechenland von 1943 – 1945 in Griechenland tätig war. Bericht über Distomo des Delegierten des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes in Griechenland, aus dem Buch «Meine Odyssee» hier In den achtziger und neunziger Jahren arbeitete Dieter Begemann Historiker und Archivar aus Herford an einer historischen Aufarbeitung des Massakers. Er richtete auch die erste Webseite ein. Teile seiner unveröffentlicht gebliebenen Arbeit sind in: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus Verlag, Darmstadt 2003, Dieter Begemann: Distomo 1944, erschienen.

Wozu das Erinnern?

Die vorliegende Einleitung der Chronik des Massakers habe ich der Zeitschrift: PROPYLÄA, (Ausgabe Nr.8, April 1970), entnommen.
Die Zeitschrift PROPYLÄA erschien während der Zeit der griechischen Militätjunta (1967-1974) in der Schweiz und wurde von Argyris Sfountouris herausgegeben, der nach den Jahren in einem Pestalozzi-Kinderdorf als Physiklehrer, Übesetzer und Autor tätig war. Die schweizer Rechtschreibung habe ich beibehalten.
Die editorische Anmerkung von Argyris Sfountouris in der Zeitschrift PROPYLÄA habe habe ich ebenfalls, der Chronik von Sotiris Patatzis nachgestellt. Eine umfassende Darstellung der Biographie von Argyris Sfountouris findet sich auf www.fontanafilm.ch.


Vorwort

„Ein Volk gibt sich nicht auf, solange noch einige da sind, die denken, wissen, und Ziele setzen, solange Jugend noch unabhängig zu denken wagt und von hohen Antrieben beseelt ist. Die Schriftsteller sollen sie zur Klarheit dessen bringen, was sie wollen.“
Karl Jaspers

Seit einigen Monaten berichtet die Weltpresse immer wieder vom amerikanischen Massaker im vietnamesischen My Lai. Im deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» wurde eine Karikatur F. Behrendts abgedruckt (Nr. 49/ 1969), die 14 Soldaten verschiedener Nationalitäten zeigt, auf deren Brust der Name eines massakrierten Ortes steht. Einer davon trägt den Namen Lidice (Tschechoslowakei, am 10. Juni 1942 von deutschen Truppen vernichtet). Soweit ist es schon! Dem Leser wird suggeriert, dass die Verbrechen des Nazismus eine Episode in der Weltgeschichte waren. Statistisch erfassbar. Die Jugend, ermüdet vom Hin und Her der Verjährungsdebatten,soll erkennen, dass die Welt von überall her mit verbrecherischen Exzessen zu rechnen hat, dass das Deutsche Volk nur eines unter vielen ist. Damit beginnt die Relativierung, die das Vergessen beschleunigen und rechtfertigen soll.
Sicherlich sind die Deutschen nicht als Volk an der NS-Verbrechen schuld. Es gibt aber eine sehr grosse Zahl schuldiger Deutscher, die nie bestraft wurden, für die noch nie ein Gerichtsverfahren eingeleitet wurde. Es gibt noch eine Menge deutsche My Lais, von denen die deutschen Massenmedien sich nicht bemühen, zu berichten.
Man vergesse nicht: My Lai ist von amerikanischen Soldaten, die am Massaker teilgenommen haben, aufgedeckt worden, die, heimgekehrt, sich der Verwilderung im Krieg bewusst wurden und darunter litten. Die amerikanische Armeejustiz hat viel unternommen, um alle Verantwortlichen ausfindig zu machen und zu bestrafen. In den Deutschen Staaten ist dies gar nicht oder sehr inkonsequent durchgeführt worden.
Doch der Abdruck dieser Chronik soll nicht eine Aufforderung zur späten Sühne sein. Sie soll nur als Dokument im deutschsprachigen Raum existieren. Nicht für diejenigen, die damals nichts wussten und jetzt nichts wissen Wollen, sondern für die uniformierte Jugend.
Vor allem soll aber dieses Dokument warnen. Die Massaker — und besonders die Exzesse in Distomo, die eine unglaubliche Verrohung des Menschen voraussetzen sind nur die Endstufe eines Prozesses, der von den Verantwortlichen geleugnet, von den Aussenstehenden aber geduldet wird, indem sie sich in Unglauben flüchten.
Opfer sein ist nicht eine Folge persönlicher Schuld. Und Verschontsein keine persönliche Qualifikation. Verschontsein ist aber auch nicht ein Glück, das man für sich persönlich buchen kann: Verschontsein verpflichtet.
Α. N. Sfountouris